Zu Unterwäsche haben wir eine spezielle Beziehung: Kein anderes Kleidungsstück ist so dauerhaft und so intensiv mit unserem Körper in Kontakt, und dies im Intimbereich. Ein bequemer und ästhetischer Slip oder BH gibt uns – auch wenn nur für uns sichtbar -ein gutes Gefühl und lässt uns durch den Tag fliegen. Dazu kommt: Von keinem anderen Kleidungsstück besitzen wir wohl zahlenmässig mehr. Genug Gründe, sich heute der Unterwäsche zu widmen.
Macht man sich auf die Suche nach nachhaltiger oder gesunder Unterwäsche, trifft man auf eine Vielfalt von Materialien: Biobaumwolle, Elasthan, Nylon, Tencel, Lyocell, Modal, Merino-Wolle, Seide – und Kombinationen davon – sind diejenigen, welche ich am häufigsten angetroffen habe. Eine Vielfalt, die es schwierig macht, den Durchblick zu kriegen. Da hilft nur eins: Gehen wir einen Schritt zurück. Schauen wir uns erst einmal an, was es überhaupt für Fasern gibt und wie sie sich unterscheiden. Das BISFA (The International Bureau for Standardisation of Man-made Fibres), ein internationaler Verband von Herstellern von künstlichen Fasern, veröffentlicht auf seiner Homepage eine sehr verständliche Übersicht darüber. Ich habe meine unten eingefügte Grafik an diese Übersicht angelehnt.
Fasern lassen sich in zwei Kategorien einteilen: In Naturfasern und in künstlich hergestellte Fasern. In die Kategorie der Naturfasern fallen Fasern natürlichen Ursprungs, welche direkt verarbeitet werden können. Sie können Pflanzlichen Ursprungs sein, wie Baumwolle, oder tierischen Ursprungs, wie Wolle. Bei den künstlich hergestellten Fasern unterscheidet man zwischen anorganischen und organischen. Die anorganischen künstlich hergestellten Fasern sind für unsere heutige Frage der Unterwäsche nicht relevant. Wenn sie überhaupt in Textlilien eingesetzt werden, dann in technischen Textilien, beispielsweise Glasfasern in Hitzeschutzkleidung. Die organischen künstlich hergestellten Fasern hingegen sind für Unterwäsche sehr interessant: Hier gibt es wieder zwei Untergruppen. Einerseits die Chemiefasern, auch Kunstfasern genannt. Sie werden aus Kunststoff hergestellt und basieren auf Erdöl. In diese Kategorie fallen Nylon und Elasthan. Die Fasern der zweiten Untergruppe, der Regeneratsfasern, bestehen aus natürlichen Ausgangsstoffen, welche aufbereitet werden. Sie können jedoch im Gegensatz zu den Naturfasern nicht direkt verarbeitet werden, sondern müssen chemisch behandelt werden. Eine Vertreterin dieser Kategorie ist die Viskose, eine Holzfaser. Der natürlich vorkommende Stoff, die Zellulose, wird in eine Faser aufbereitet.

Elasthan und Nylon
Elasthan wird in Kleidungstextilien in einem Verhältnis von bis zu 40% andern Fasern beigemischt, vor allem, um deren Dehnbarkeit zu verbessern. Nylon hingegen wird teilweise auch rein verwendet. Diese Faser punktet unter anderem durch leichtes Gewicht und geringe Feuchtigkeitsaufnahme.
Bei beiden Fasern handelt es sich um Chemiefasern. Man könnte auch sagen: Plastikfasern. Sie basieren auf Erdöl, und sie tragen somit zum Verbrauch dieser nicht-erneuerbaren Ressource bei. Bekannt sind auch die Auswirkungen davon auf den Klimawandel, auf Umwelt und auf Gesundheit von Tier und Mensch. Die Nicht-Regierungs-Organisation Human Rights Watch hat 2022 in einem Frage- und Antwortkatalog die Probleme der Plastik-Herstellung aufgelistet. Darin erwähnt sie auch, dass bei der Erdöl-Förderung giftige Substanzen freigesetzt werden können und dadurch Wasser, Böden und Luft in Mitleidenschaft gezogen werden, was wiederum Ökosysteme und Anwohner gefährdet. Doch nach Herstellung ist es noch nicht vorbei mit schädlichen Auswirkungen: Beim Waschen und der Entsorgung wird Mikroplastik freigesetzt. Der Begriff Mikroplastik bezeichnet Plastikstücke mit einer Länge oder einem Durchmesser von bis zu 5 mm. Diese Partikel reichern sich in Wasser und Luft an, und werden schlussendlich auch von Tieren und Menschen aufgenommen. National Geographic hat dazu 2023 einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht.
Bei Nylon kommt noch erschwerend hinzu: Bei der Herstellung entsteht Distickstoffmonoxid, umgangssprachlich auch Lachgas genannt. Es gilt als vergessenes Treibhausgas. Es ist etwa 265-mal so schädlich wie CO2, wie das deutsche Umweltbundesamt in einem kürzlich veröffentlichten Artikel schreibt.
Für Konsumenten ist es nicht immer einfach, die beiden Fasern zu identifizieren: Bei Elasthan existiert auch die Schreibweise ohne h, und es gibt zahlreiche Markennamen dafür. Oft verwendet werden, neben anderen, Lycra, Strech, Spandex oder Dorlastan. Ähnlich verhält es sich mit Nylon: Es ist ein Polyamid-Kunststoff, deswegen ist es auch unter den Bezeichnungen PA oder PA 6.6 zu finden. Also einmal mehr: Augen auf beim Kleiderkauf.
Regeneratsfasern
Auf der Suche nach nachhaltiger Unterwäsche treffen wir oft auf Tencel, TencelTM, Lyocell oder Modal. Sie gehören zu den Regeneratfasern, also den Fasern natürlichen Ursprungs, welche synthetisch aufbereitet werden müssen. Sie basieren nicht auf Erdöl, sondern auf nachwachsenden Rohstoffen, meistens Holz. Im Zusammenhang mit Fair Fashion wird oft darauf hingewiesen, dass dieses Holz nachhaltig gewachsen ist und aus legal abgeholzten Wäldern stammt.
Leider ist das GOTS-Zertifikat bei Regeneratsfasern keine Hilfe, da es nur Biofasern oder Textilien aus Biofasern zertifiziert.
Euch ist vielleicht schon einmal die Viskose-Faser begegnet. Auch ihr Ursprungsmaterial ist Holz, und für ihre Herstellung werden grosse Mengen schädlicher Chemikalien, unter anderem Schwefelsäure, verwendet. Die Modalfaser ist der Viskose sehr ähnlich, sie hat jedoch längere Molekülketten. Um das zu erreichen wird Zinksulfat eingesetzt. Dieses ist gemäss der Einstufung der European Chemicals Agency (ECHA, die Behörde der Europäischen Union für einen sicheren Umgang mit Chemikalien) „sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung“.
Dann gibt es noch Lyocell, eine Faser, die wie Viskose und Modal ebenfalls aus Holz besteht. Jedoch wird hier im Unterschied zur Viskose ein ungiftiges Lösungsmittel verwendet, so das Versprechen.
Im Deutsch-sprachigen Raum kommt man nicht um den Begriff Tencel herum. Tencel ist der Markenname der Firma Lenzing AG aus Österreich für Modal- und Lyocell-Fasern. Es gibt also eine Tencel Modal und eine Tencel Lyocell Faser, und beide werden vom gleichen Hersteller produziert. In der offiziellen Bezeichnung wird noch das TM hinzugefügt, die Abkürzung für Trademark. Damit wird anzeigt, dass der Markenschutz beansprucht wird.
TencelTM Lyocell scheint der Goldstandard unter den nachhaltigen Fasern zu sein: Auf mehreren Fair Fashion Seiten, wie auch Grüne Erde, wird es mit folgenden Vorteilen angepriesen: Nachhaltig produziertes Holz, Verwendung eines ungiftigen Lösungsmittel, welches dazu noch dem Prozess zurückgeführt und somit wiederverwendet wird.
Ist das nicht „to good to be true?“
Auf der Produktseite von TencelTM Lyocell vom Hersteller Lenzing AG ist nicht viel mehr zu erfahren, als dass das eingesetzte Holz nachhaltig produziert wird und dass „das Lösungsmittel zurückgewonnen und wiederverwendet wird mit geringen ökologischen Auswirkungen“. Um welches Lösungsmittel es sich handelt, und ob es tatsächlich ungiftig ist (was Lenzing in Aufzählung der positiven Eigenschaften von TencelTM Lyocell übrigens nicht erwähnt), ist hier nicht zu erfahren. Wenn man etwas tiefer gräbt und auf der Homepage von Lenzing AG unter Nachhaltigkeit das Kapitel Chemikalien öffnet, erfährt man fast zufälligerweise den Namen des Lösungsmittels, es handelt sich um NMMO. Es steht da:
„In der besonders umweltschonenden Lyocell-Produktion wird nur das organische Lösungsmittel NMMO zum Auflösen des Zellstoffs verwendet. Bei dieser wertvollen und teuren Chemikalie beträgt die Rückgewinnungsrate mit Lenzing Technologie mehr als 99 Prozent“
NMMO steht für N-Methylmorpholin-N-oxid. Auch hier gibt es eine Einstufung der European Chemicals Agency. Unter anderem steht da, dass vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden kann. Auch wenn man davon ausgehen muss, dass alles Lösungsmittel von den Fasern entfernt wird: Jede Person muss selber entscheiden, ob sie Fasern, die damit in Kontakt waren, in ihrem Intimbereich tragen will.
Ich habe Lenzing AG angefragt, wie sich die Verwendung dieses Lösungsmittel mit dem Schutz der Konsumenten und der Arbeitnehmenden vereinbaren lässt. Ich habe umgehend Antwort erhalten: Die Exposition der Arbeitnehmenden wird durch Schutzmassnahmen minimiert, und befindet sich gemäss Lenzing „nachweislich unterhalb der sicheren Grenzwerte (DNEL-Werte, Derived No Effect Levels).“ Auf den Konsumentenschutz angesprochen, hat mir Lenzing AG bestätigt, dass sich zum Zeitpunkt der Auslieferung der Fasern an deren Industriekunden noch Rückstände von NMMO auf den Fasern befinden können. Diese würden in der weiteren Arbeitsschritten erneut weiter reduziert. Weiter teilt die Firma mit, dass sie mit unanhängigen Toxikologen zusammenarbeitet um die Produktsicherheit zu bewerten und bestätigt für den spezifischen Fall des TencelTM Lyocell: „Die Spuren von NMMO, die auf der Faser verbleiben können, sind weit innerhalb der sicheren Grenzwerte.“
Naturfasern
Bei den Naturfasern sind mir vor allem drei Fasern begegnet. Baumwolle, Merino-Wolle und Seide. Bei der Baumwolle gibt es mit dem GOTS-Zertifikat einen guten Kompass. Die Vorteile findest du in meinem ersten Blog-Eintrag detailliert aufgeführt. Für Merino-Wolle und Seide kann auch das GOTS-Zertifikat beantragt werden. Ich habe jedoch keine zertifizierten Lieferanten finden können.
Erwähnen möchte ich hier meine Entäuschung über die sehr bekannte Marke Icebreaker. Obwohl auf Ihrer Homepage bei der Erklärung zu Merino-Wolle das Thema Nachhaltigkeit hochgehalten wird, ist keine Information über Chemikalien-Einsatz auf finden. Auf zweimalige Nachfrage dazu habe ich keine Antwort erhalten.
Fazit und Empfehlungen
Ich kann leider keine befriedigende Empfehlung abgeben. Zum Kauf von Fasern zu raten, die auf Erdöl basieren, ist für mich ein No-go, und die Nachforschungen zu den Regeneratsfasern haben bei mir selbst beim Branchen-Primus TencelTM Lyocell kein gutes Gefühl hinterlassen. Die am wenigsten schlechteste Möglichkeit ist wohl: Unterwäsche aus GOTS-Zertifzierter Biobaumwolle. Zwar ist die Baumwolle auch nicht perfekt, wir haben in meinem Jeans Post gesehen, dass sie eine sehr durstige Pflanze ist und ihr Anbau sehr viel Wasser verbraucht. Jedoch ist Bio-Baumwolle, wobei es sich bei GOTS-Baumwolle handelt, auch eine vom WWF kommunizierte Alternative zu konventionell produzierter Baumwolle. Dies, weil der Wasserverbrauch tiefer ist als bei konventioneller Baumwolle, aber auch weil sie weniger belastet ist durch Chemikalien, Insektizide und Pestizide.
Mir sind folgende Shops bekannt, die Unterwäsche aus 100% Baumwolle anbieten und in die Schweiz liefern:
Übrigens: Um bei der Wäsche von synthetischen Kleidungsstücken, welche sich bereits in unserem Kleiderschrank befinden, den Mikroplastik herauszufiltern gibt es eine pragmatische Abhilfe: Einen Waschbeutel, der einen Grossteil davon zurückhält, welcher dann im Hausmüll entsorgt werden kann. So gelangt wenigstens ein Teil des Mikroplastiks nicht ins Abwasser. In der Schweiz ist zum Beispiel der Guppyfriend Waschbeutel erhältlich. Transa, RRRevolve oder Bächli Bergsport beispielsweise bieten ihn an, er kostet etwa 35 Franken. Ich bin zwar etwas skeptisch. Ironischerweise ist der Waschbeutel aus einer Plastikfaser, aus Polyester. Und ich frage mich auch: Ist es besser, die Mikrofaser in der Luft zu entsorgen statt im Wasser? Dazu Folgendes: Gemäss den Angaben des Hersteller in den FAQ verliert der Beutel selbst kein Mikroplastik, unter anderm da das Garn über eine spezielle Struktur verfügt, es besteht aus nur einem Fadenstrang. Bezüglich der Entsorgung wird folgende Erklärung mitgeliefert: Durch die Entsorgung „in einem geschlossenen Behältnis“ wird die Chance verringert, dass die Partikel weggeweht werden. Zudem ist es das Versprechen, dass der Beutel schon während des Waschvorgangs, durch den Schutz der Wäsche, den Faser-Abrieb reduziert, und dass so insgesamt weniger Mikroplastik anfällt.
Mehr kann ich leider nicht bieten. Wie bei Jack Nicholson und Helen Hunt: As Good as It Gets. So gut wie es eben geht.





